BlogVergabeJobs

"Der Verlagerungscoach fragt nach..." - Interview mit pewag

Anschlussgleis führt an grünen Büschen und einem Haus vorbei.
19. Mai 2026

In der Interviewreihe "Der Verlagerungscoach fragt nach..." macht Maximilian Bauer österreichische Unternehmen sichtbar, die Transportwege umweltverträglicher machen.


Die erfolgreiche Verlagerung von Gütertransporten von der Straße auf die Schiene ist ein zentraler Hebel für nachhaltige Logistik. Mit dem Verlagerungscoach der SCHIG mbH steht Unternehmen und Gemeinden eine kompetente Ansprechperson zur Seite, wenn es darum geht, Transportwege umweltverträglicher zu gestalten.

Verlagerungscoach Maximilian Bauer macht österreichische Unternehmen sichtbar, die diesen Schritt gehen, und rückt ihre Initiativen ins Rampenlicht. In Interviews beleuchtet er Best-Practice-Beispiele, zeigt konkrete Umsetzungswege auf und thematisiert zugleich die Herausforderungen, die mit der Verlagerung verbunden sind.

Im vorliegenden Gespräch spricht der Verlagerungscoach mit Dr. Hubert Schemitsch, Geschäftsführer der pewag group in Österreich über die Bedeutung des Schienentransports für das Unternehmen und welche Hürden am Weg zur Verlagerung es zu meistern galt. Das Unternehmen zählt zu den weltweit ältesten Kettenherstellern und betreibt mehrere internationale Produktionsstandorte. Der Standort in Brückl (Kärnten) nimmt dabei eine zentrale Rolle innerhalb der Unternehmensgruppe ein.

Herr Schemitsch, können Sie bitte einleitend kurz das Unternehmen pewag vorstellen?

Hubert Schemitsch: Die Firma pewag ist historisch sehr behaftet mit dem Gründungsdatum 1479. Das ist schon ein paar Jahrhunderte her und dementsprechend der Hinweis darauf, dass Nachhaltigkeit bei uns sehr großgeschrieben wird. Unser Eigentümer ist sehr darauf konzentriert, dass der Impact umweltmäßig so gering wie möglich bleibt. Da ist generell das Thema Nachhaltigkeit, und dann im speziellen die CO2-Neutralität, natürlich sehr wichtig für uns. Da wir nicht nur aus Umweltsicht, sondern auch aus ökonomischer Sicht handeln, müssen wir die zukünftigen Entwicklungen in Europa möglichst früh antizipieren und auch für uns nützen. Daher haben wir auch entschieden, dass wir im Konzern bis 2030 CO₂-neutral sein wollen.

Welche Rolle spielt dabei der Transport?

Hubert Schemitsch: Das Thema Transport ist ein ganz wichtiger Faktor. Wir haben viel Geld in ein neues Wasserkraftwerk am Standort Brückl und in Photovoltaikanlagen investiert, um hier die CO₂-Neutralität sicherzustellen. Und ein weiterer Faktor ist eben der Transport. Da haben wir im ersten Schritt stark an den Inbound-Verkehren (Anmerkung: Materialzufuhr zum Werk) gearbeitet.

Unser Hauptrohstoff ist Walzdraht. Unsere Produkte bestehen zu 100% aus Stahl und dieser Stahl wird in Walzdrahtform angeliefert - sowohl aus Österreich, aber eben auch aus Ländern, die weiter entfernt sind, wie zum Beispiel aus der Schweiz oder Italien. Aus der Schweiz haben wir es seit gut einem Jahr wieder geschafft, dass wir vom LKW auf die Schiene kommen und das sogar preisneutral. Das heißt, für uns ist das keine ökonomische Verschlechterung und dann macht es natürlich besonders viel Freude, auf die Schiene zu verlagern und eben diese CO₂-Emissionen im Inbound Transport einzusparen.

Für den Transport auf der Schiene haben Sie die Anschlussweiche am Produktionsstandort in Brückl erneuert. Können Sie bitte kurz beschreiben, wie sich die Erneuerung gestaltet hat und wie Sie dabei unterstützt wurden?

Hubert Schemitsch: Dies war für uns zunächst ein Aha-Erlebnis, weil eine Weiche doch ein hohes Investment ist und wir die Anschlussweiche damals nicht aktiv genutzt haben. Ich möchte aber betonen, dass eine Stilllegung der Anschlussbahn als zweite Alternative auch mit hohen Kosten verbunden gewesen wäre und wir hätten uns damit die Zukunft verbaut. Das heißt, ein Weg zurück zu einer neuerlichen späteren Anschlussbahn wäre wahrscheinlich nur sehr schwer möglich gewesen. Daher haben wir uns aus taktisch-operativer Sicht dazu entschieden, dass wir die Anschlussbahn auf alle Fälle aufrechterhalten wollen, zumal die CO₂-Neutralität bzw. Nachhaltigkeit und ähnliche Überlegungen in Europa zukünftig doch eine sehr große Rolle spielen werden. Diese Möglichkeit wollten wir uns nicht verbauen.

Im Zuge dieses Prozesses haben wir uns natürlich die Frage gestellt, wie wir den Schienentransport auch in Zukunft gut nutzen können. Der Staat bzw. die ÖBB Infrastruktur beteiligen sich ja mehr oder weniger stark an den Kosten für die neue Weiche bei entsprechender Nutzung des Schienengüterverkehrs. Im Laufe dieser Verlagerung bzw. Rückverlagerung vom LKW auf die Schiene ist dann Maximilian Bauer in seiner Funktion als Verlagerungscoach an uns herangetreten. Gemeinsam haben wir überlegt, welche Inbound- oder Outbound-Transporte denn überhaupt in Frage kommen, respektive welche Möglichkeiten es da gibt und wie man dies auch dementsprechend organisatorisch gestalten kann. Ich würde sagen, wir haben die ersten Transporte erfolgreich verlagert, wobei das Potenzial sicher noch nicht ausgeschöpft ist. Wir wollen diesen Weg definitiv weitergehen, wobei der Förderungsstopp des Landes Kärntens in diesem Zusammenhang – das kann ich wieder betonen – doch sehr, sehr weh tut.

(Anm. Einzelwagenförderung des Landes Kärnten in Kooperation mit der Wirtschaftskammer Kärnten und der LCA Logistik Center Austria Süd GmbH (LCAS) für den Zeitraum 1.8.2023 bis 30.6.2024)

Können Sie beschreiben, wie Sie die Rolle des Verlagerungscoachs gesehen haben bzw. wo ich unterstützen konnte, um doch wieder Transporte auf die Schiene zu bringen?

Hubert Schemitsch: Es war sehr positiv, dass wir einerseits auch wieder aus der Historie heraus Kontakte präzisieren konnten. Und wir haben natürlich wenig Möglichkeiten und Informationen, an welche Leute und Stellen sich unsere Logistiker bei dem Thema Schienengüterverkehr wenden können. Hier war die Unterstützung ganz, ganz wichtig. Was aus meiner Sicht ebenso gut zu bewerten ist, ist die Beratung über die Landesgrenzen hinaus: Speziell in Italien konnten wir nicht verifizieren, warum unser Lieferant nicht so leicht auf der Schiene liefern konnte bzw. nur um einen deutlich höheren Preis. Der Verlagerungscoach hat uns bei der weiteren Recherche zu diesem Fall unterstützt und aufzeigen können, wo das nächste Verladegleis ist. Fakt ist, dass zu unserer Überraschung das Stahlwerk keinen direkten Gleisanschluss hat und eben über ein Ladegleis in der Nähe des Werkes dennoch der zweimalige Umschlag der Ware zu teuer war.

Diese Information kann für eine zukünftige Sourcing-Entscheidung natürlich eine durchaus entscheidende Rolle spielen, weil es andere Walzwerke gibt, die direkt per Bahn liefern können und dies kostenneutral abbilden können. Bei gleichen Rohstoffpreisen des Walzdrahts kann dann zukünftig die Entscheidung aufgrund von den Möglichkeiten des Transportmittels getroffen werden. Das wäre in diesem Fall dann präferiert die Bahn.

Die Rolle des Verlagerungscoaches ist aus Ihrer Sicht also auch eine begleitende und beratende Rolle?

Hubert Schemitsch: Ja, definitiv. Vor allem bei stabilen Logistiknetzen hat man die Information zunächst und kann darauf aufbauen. Aber in Zukunft werden diese Logistiknetze immer volatiler und auch die Beschaffungsstrategien müssen immer flexibler werden. Daher ist es schon ein gutes Gefühl, dass es da eine Stelle wie den Verlagerungscoach gibt, wo man neue Information bekommt.

Sie spielen auf das Fachwissen zum Thema Schienengüterverkehr an: Wie erleben Sie dies in der Praxis, wenn Lösungen in der Schienenlogistik inhouse oder extern angefragt werden?

Hubert Schemitsch: Die Leute, die bei uns die Entscheidungen über Logistikprozesse konfigurieren müssen, haben die Erfahrung nicht, weil sie quasi aus beruflicher Sicht ohne Bahn aufgewachsen sind. Aber was genauso wichtig ist, ja vielleicht sogar noch wichtiger, alle unsere Logistikdienstleister haben dieses Know-how auch nicht mehr. Meiner Erfahrung nach behandeln die Logistikdienstleister oftmals den Umstieg vom LKW auf die Bahn eher abweisend. Dementsprechend sind dann auch die Angebote und die Kosten deutlich höher, wenn man den Transport mit der Bahn machen will.

Ich würde gerne eine Art Word-Rap machen: Der Verkehrsträger Straße bedeutet für unser Unternehmen…

Hubert Schemitsch: Für unser Unternehmen ist der Transport auf der Straße überall dort nötig, wo große Flexibilität nötig ist, und geringere Distanzen zurückgelegt werden müssen, beispielsweise im kompletten Alpenraum, schwerpunktmäßig in Österreich und Deutschland. In die Schweiz, nach Frankreich oder Italien werden die Transporte zu unseren Kunden ebenso per LKW geliefert, weil bei uns Zeit ein extrem kritischer Faktor ist. Wenn es schneit, dann brauchen die Kunden die Schneeketten und das nicht in zwei Tagen, sondern gleich.

Der Transport auf der Schiene bedeutet für unser Unternehmen…

Hubert Schemitsch: Eine sehr gute Möglichkeit, unseren CO2-Footprint zu verringern und unser Ziel, die CO2-Neutralität zu erreichen, stark zu unterstützen. Dies gilt für Inbound- sowie für Outbound-Verkehre, wo Kunden auch weit entfernt sein können und viele Kilometer zurückgelegt werden müssen.

Welche Hindernisse gibt es aus Ihrer Sicht im Schienengüterverkehr?

Hubert Schemitsch: Einen LKW bestellt man und der macht eigentlich alles – da braucht man sich nichts überlegen, da geht alles von selbst.
Wenn man das Ganze mit der Bahn macht, dann gibt es schon sehr viele Dinge, mit denen man sich nicht so häufig auseinandersetzt. Das fängt an bei der Ausgestaltung der Bahnwagen an: Welche Wagen sind das? Das geht weiter bis hin zur Beladung dieser Wägen: Welche Mengen muss ich dementsprechend sourcen? Hier muss ich umdenken. Wie soll ich sagen? Beim LKW-Transport haben alle Leute, vor allem die Logistiker, vieles im Gefühl. Beim Thema Bahntransport ist das nicht der Fall. Deswegen darf ich auch hier nochmals die sehr gute Unterstützung von Ihrer Seite hervorheben. Hier wurde aufgezeigt, welche Möglichkeiten es im Schienengüterverkehr gibt und woran man denken sollte.

Zukünftig wäre aus unserer Sicht speziell das Thema Vorlauf bei Übersee-/Schiffstransporten per Container zu betrachten und zu verbessern. Aktuell ist es so, dass die Vorläufe an die relevanten Häfen – zumeist Hamburg, Koper oder Amsterdam – per LKW erfolgen. Dies liegt einerseits an der mangelnden Koordination bezüglich der Verladezeitpunkte, aber auch an den deutlich höheren Kosten im Vergleich zum LKW. Anscheinend sind hier die Roadpricing-Modelle auf der Straße nicht ausreichend, um eine Verlagerung auf die Schiene zu unterstützen oder im Umkehrschluss sind die Förderungsmöglichkeiten mit der Bahn noch nicht ausreichend.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fotocredit: ©pewag


Wir haben Ihr Interesse an der Verlagerung von Gütern auf einen umweltverträglicheren Transportweg geweckt?

Alle Informationen zum Verlagerungscoach gibt es hier nachzulesen: https://www.schig.com/services/verlagerungscoach

Kontakt

Maximilian Bauer, MA

E-Mail-Adresse: m.bauer@schig.com
Festnetz beruflich: +43 1 812 73 43 2005